Mein Sorglos. Meine Freiheit. Mein Glück

Dieses Jahr wagte ich in meinem Sommerurlaub etwas, bei dem ich nie dachte, jemals den Mut aufzubringen.

Für eine Woche fuhr ich im August alleine in den Urlaub. Anfangs bekam ich einige Kommentare entgegengebracht „Alleine? Ist doch traurig, wenn man das Erlebte mit niemandem teilen kann!“ und „Du kannst doch nicht alleine in den Urlaub fahren. Frag doch irgendjemanden, ob er/sie nicht mit will.“

Doch ich entschied mich ganz bewusst dazu, alleine zu fahren. Ich gehöre ich nicht zu der Sorte Mensch, die immer jemanden um sich herum haben muss, um sich vollständig zu fühlen. Gerne bin ich auch mal alleine. Verbringe Zeit mit mir. Lasse meinen Gedanken freien lauf. Genieße die Ruhe. Warum also sollte ich notgedrungen irgendjemanden fragen für einen gemeinsamen Urlaub, mit dem ich mich am Ende vielleicht unwohl fühlte?

Und so ließ ich die Leute um mich herum denken, was sie wollten und verfolgte meinen, für mich sehr aufregenden, Plan.

Schon zu Beginn stand für mich fest, ich wollte in den Norden fahren. Hier war ich in der Vergangenheit schon oft mit meinen Eltern gewesen und ich wusste, da ist die „Welt noch in Ordnung“. Außerdem hatte ich hier die Möglichkeit, mein Auto Zuhause zu lassen, weil auf den meisten Inseln gar kein Auto notwendig war.

Das erste mal im Leben war ich also so richtig organisiert. Ich suchte mir die beste Zugstrecke raus, googelte die günstigsten Verbindungen (ein viertel Jahr vorher gibt es Spartickets bei der Deutschen Bahn) und schaute, welche Insel am besten zu mir passte.

Ziemlich schnell fand ich dann auch schon mein perfektes „Urlaubszuhause“ auf Borkum. Die Bilder dieser kleinen, süßen Ferienwohnung sprachen mich ab der ersten Sekunde an. Und auch Borkum gefiel mir im Internet sehr gut. Bisher war ich noch nie auf dieser Insel gewesen.

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Und so buchte ich, ohne lange zu überlegen, ein kleines Zimmer namens „Spiekeroog“.

Ab diesem Zeitpunkt fand ich irgendwie meine innere Ruhe. Wir wissen ja alle, wie schwer das ist… Ich stellte mir einen Countdown auf meinem Handy (ab diesem Zeitpunkt waren es noch laaaange 160 Tage) und ich empfand jedes mal unfassbares Glück, wenn mein Blick auf den Countdown- Zähler fiel.

Zu diesem Zeitpunkt war eine schwierigere Zeit für mich in der Arbeit. Und ich kann euch sagen, der Gedanke an meinen ersten Urlaub alleine- das war der Gedanke, der mich über Wasser hielt. Diese Buchung war für mich wie ein Fels in der Brandung. Jedes mal, wenn ich mich unfassbar ärgerte oder frustriert war dachte ich mir- „Egal wie doof gerade alles ist. Der Nordseeurlaub bleibt mir!“ Das hatte ungeahnte Wirkung und Kraft in mir.

Und dann war es endlich soweit! Die Nacht zuvor konnte ich kein Auge zubringen, so aufgeregt war ich. Ihr müsst wissen, ich bin die Sorte Mensch, die kurz vor etwas schönem die Angst bekommt, krank zu werden. Aber das Schicksal meinte es gut mit mir. Bis auf die Müdigkeit ging es mir blendend.

Kaum dass ich im Zug saß, war ich irgendwie stolz, glücklich und rundum zufrieden. Ich hatte vorher die Befürchtung, alleine mit dem ganzen Gepäck überfordert zu sein. Oder mich beim Umsteigen nicht zurecht zu finden. Aber das komplette Gegenteil traf ein. Hilfsbereite Menschen, wo man sich nur umsah. So oft bekam ich Hilfe angeboten, wenn ich mein Gepäck hochheben musste. Und überall standen Mitarbeiter der Bahn, die einem freundlich erklärten, wo mein Anschlusszug wartete. (Mein ausgedruckter Fahrplan stimmte nämlich nicht ganz…)

So kam ich nach ungefähr 8 Stunden an der Fähre an. Dieses Gefühl, so nah vor dem Meer zu stehen- das kann ich euch leider nicht mit Worten beschreiben. (Dazu muss gesagt werden, am Hafen sieht man kaum Meer) Das war ein Gefühl, das kann ich immer noch spüren, wenn ich daran denke. Es hatte etwas von unfassbarem Glück. In etwa war es wie „Verliebt sein“. Ich, die Tatjana, der das niemals jemand zugetraut hatte- ich hatte es geschafft.

Auch die Wohnung fand ich sofort. So süß und märchenhaft wie im Internet beschrieben, so war die Wohnung auch in echt. Noch bevor ich irgendwas auspackte lief ich sofort wieder los, Richtung Meer. Ich wollte endlich das große, weite Meer sehen. So, wie ich es seit 2 Jahren vermisst habe. Der Moment, wenn man dann wirklich davor steht, ist irgendwie unwirklich. Genauer gesagt- ich konnte es eigentlich gar nicht fassen. So überwältigt von der Schönheit des Strandes und des Meeres stand ich da und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ich wusste nur, das wird die bisher schönste Woche, die ich je erleben durfte.

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Der erste Tag auf meiner neuen Trauminsel fing bewölkt an. Ich lieh mir ein Rad aus, das mir eine Woche lang gehörte. Damit wollte ich die Insel soweit es möglich war, erkunden. Borkum ist die westlichste und mit knapp 31 Quadratkilometern die größte der sieben bewohnten Ostfriesischen Inseln. Und so fuhr ich am ersten Tag an das eine Ende der Insel. Vorbei am Südstrand, in Richtung Wellenbrecher. Bis es nicht mehr weiter ging. Auf dieser Seite der Insel wehte ein gewaltiger Wind. Dutzende Möwenfedern lagen am Wegrand. Die schönsten sammelte ich ein, diese wollte ich zur Dekoration mit nach Hause nehmen.

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Auf meinem Rückweg kam dann die Sonne heraus- und diese blieb bis zu meinem letzten Tag. Ich hatte bestes Nordsee- Wetter, das man sich vorstellen konnte.

Jeder Tag war gefüllt mit Sand, Sonne, vielen Fotos, Glück, atemberaubenden Momenten und vor allem- mit ganz viel Zufriedenheit. Mein Körper fuhr so dermaßen runter, dass ich im nachhinein mit fester Überzeugung sagen kann, dass ich noch nie so entspannt und auf „Null zurückgedreht“ war. Während dieser Woche lebte ich komplett für den Moment. Für jeden einzelnen Augenblick. Mir war es zu keiner Sekunde möglich, an die Vergangenheit oder an die Zukunft zu denken. So etwas kannte ich von mir gar nicht.

Meine Tage verbrachte ich immer fernab der ganzen Menschen. Den Ort meines Herzens fand ich dann am vorletzten Tag. Es war ein kleiner Fleck auf der großen, weiten Welt, der mir den Atem raubte. Hierfür fuhr ich mit dem Rad am FKK Strand Borkum vorbei. Immer weiter. Bis es nicht mehr weiter ging. Und von da aus lief ich dann los. Immer am Meer entlang, vorbei an rießigen Dünen. Hier war das Meer schon etwas rauer, lauter, aufregender. Vor mir liefen nur noch 3 Menschen. Kilometer hinter mir waren vereinzelt auch nur noch 1, 2 Menschen zu sehen. Die Zeit stand still, der Wind war stark und laut. Wie in der Wüste wehte der trockene Sand über den Strand. Über mir waren Möwen zu hören und zu sehen. Und da stand ich auf einmal. Am Ende der Insel. Ich konnte die Nachbarinsel „Juist“ sehen. Weit außen im Meer rießige Containerschiffe. Was ich fühlen konnte? Unendliche Freiheit. So leicht fühlte ich mich plötzlich. Ich suchte mir eine besonders schöne Düne aus, in die ich mich mit Decke und Brotzeit hineinlegte. Von hier aus konnte man in Ruhe die Schönheit dieses Platzes bewundern, auch der Wind war hier deutlich weniger. Und so verbrachte ich hier etliche Zeit und konnte mich einfach nicht mehr losreißen.

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Meine Tage hier im Norden endeten übrigens jeden Abend gleich. Gemeinsam mit vielen anderen Menschen saß in an der Promenade, trank Tee, hörte der Musik im Hintergrund zu und wartete auf den Sonnenuntergang. Schöner hätten meine Urlaubstage nicht enden können.

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Wer sich jetzt frägt, ob ich wieder alleine in den Urlaub fahren würde, oder ob ich mich nicht manchmal einsam gefühlt habe- dem kann ich mit meinem ganzen Herzen nur eine Antwort geben: Ich würde jederzeit wieder alleine in den Urlaub fahren. Und ich habe mich zu keiner einzigen Sekunde einsam gefühlt. Ich glaube, wenn man sich auf sich selbst verlässt, mit sich selbst im reinen ist und sich selbst liebt, dann kann man sich einfach nicht einsam fühlen. Man hat sich ja selbst dabei. Das klingt jetzt vielleicht komisch oder abgedroschen. Aber ich war während dieser Zeit mit mir selbst ein richtig gutes Team. Mit jeder Stunde, die ich mehr auf dieser Insel verbrachte, kam ich mir selbst ein Stückchen näher. Es ist schön, die Möglichkeit zu haben, zu tun und zu lassen, was man gerade will. Kontakte hätte man jederzeit finden können. Ich habe zum Beispiel nie alleine zu Abend gegessen. Es haben sich immer Fremde zu mir an den Tisch gesetzt, man saß 3 Stunden zusammen in Gesellschaft, hat sich kennen gelernt, ausgetauscht,… und danach gingen die Wege wieder getrennt weiter. Alleine hat man einfach mal die Möglichkeit, alles viel intensiver wahrzunehmen. Jeden einzelnen Geruch, jedes Geräusch, alles einfach. Kein Gespräch lenkt einen ab von dem Eigentlichen.

Ich habe mir selbst das Versprechen gegeben, einmal im Jahr Zeit für mich alleine einzuplanen. Egal ob ich irgendwann in einer Partnerschaft lebe oder sonstiges. Einfach um Kraft aufzutanken. Obwohl diese Reise zum Glück noch nicht mal 2 Monate her ist, plane ich schon wieder meinen nächsten Urlaub. Wieder in den Norden. Wieder alleine. Weil es meiner Meinung nach das beste Geschenk ist, das man sich selbst machen kann.

Alles Liebe wünscht euch eure Tatjana.

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26 Gedanken zu “Mein Sorglos. Meine Freiheit. Mein Glück

  1. Wow, das hast du so so schön geschrieben! Man spürt förmlich diese Ruhe, die man am Meer in sich hat, aus deinen Worten heraus!! Riesen Respekt für diesen Sxhritt, wirklich. Ich hoffe ich wage diesen Schritt auch mal. Deine Fotos sind sowieso immer Bombe, aber deine Worte hier haben mich echt berührt. Danke ❤

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    1. Deine Worte freue mich richtig arg, liebe Carola!! 🙂 Ich danke dir dafür. Das bedeutet mir sehr viel, dass meine Worte bei dir ankamen. Ich wünsche dir ganz viel Mut, diesen Schritt ebenfalls zu wagen. Das schaffst du auch 🙂 Alles Liebe, Tatjana

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  2. Hallo Tatjana.
    Du bist ein toller Mensch.
    Mit deinem Worten lässt du jeden an deinem Abenteuer Teil haben und man fühlt sich als wäre man vor Ort. Also ist bei mir zumindest so.
    Bin schon auf den nächsten Post gespannt.
    LG.

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    1. Liebe Tina, ich danke dir für deinen Kommentar 🙂 Nepal und Indien hören sich sehr spannend an, ich glaube, so weit zu reisen- da würde mir noch etwas der Mut fehlen. Toll, dass du so schöne Erfahrungen sammeln konntest. Das bewundere ich sehr. Alles Liebe, Tatjana

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  3. Liebe KleineNana,
    oder besser: Liebe Tajana,

    dein erster Blogeintrag ist wundervoll. Du schreibst so offen und ehrlich und mit viel Wärme. und deine Fotos sehen umwerfend aus. Sie lassen einen träumen.
    Ich kann deinen Entschluss, auch einmal alleine zu reisen, gut verstehen. Mir ging es ähnlich. Nachdem ich mich überwunden hatte, machte ich ähnliche Erfahrungen wie du. Die meisten Menschen waren hilfsbereit und aufgeschlossen. Man traf sich, man unterhielt sich und dann ging jeder wieder seiner Wege.

    Liebe Grüße
    Casio

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    1. Vielen Dank für deinen lieben Kommentar 🙂 Ich danke dir für all deine wundervollen Worte. Es bedeutet mir sehr viel, dass mein Geschriebenes Wärme hinterlässt und zum Träumen einlädt. Alles Liebe, Tatjana

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  4. Es ist toll, dass du einfach den Mut gefunden hast das durchzuziehen. Wenn man erstmal soweit ist, dass man an seinem Reiseziel angekommen ist, ist es dann doch eigentlich gar nicht mehr so schlimm. Wunderschöne Bilder übrigens!
    Wirklich schöner erster Beitrag:)
    Und immer weitermachen!

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  5. Hallo Tatjana,
    Zuerst würde ich mich für die Fehler entschuldigen, ich bin Französin.
    Dein Eintrag ist sehr schön und mit viele Emotionen geschrieben.. Ich habe Gänsehaut bekommen. Alles, was du sagst ist wirklich schön, wahr. Und es war, als ob wir mit dir im Urlaub waren. Ich habe nicht wirklich Worte. Einfach nur „Waouh“.
    Die Bilder sind auch sehr schön ! Mach weiter so,
    Liebe Grüße,
    Philomène.

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  6. Hallo Tatjana,

    sehr schön geschriebener Blogeintrag. Ich kann deinen Aussagen nur voll zustimmen. Auch ich war dieses Jahr eine Woche allein unterwegs. Für mich ging es in die Alpen.
    Dort habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Man betrachtet die Umwelt beispielsweise ganz anders beziehungsweise genauer, wenn man alleine ist. Auch das eigene Ich kommt einen wieder etwas näher.

    Ich wünsche dir noch einen schönen Sonntag.

    Gruß,
    Tobi

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    1. Hallo Tobi, schön dass du ähnliche Erfahrungen wie ich sammeln konntest 🙂 Wenn man einmal alleine auf Reise geht, ist man direkt Süchtig danach und möchte sofort wieder los. Vielen Dank für deinen Kommentar und für dich auch einen schönen Sonntag, Tatjana 🙂

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